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Von La Paz auf der Strasse nach Coroico

Fotos und Text © Markus Mathys 2002

La Paz - Coroico
La Paz / Bolivien

Auf der alten Strasse von La Paz nach Coroico

8 Uhr morgens, das Telefon klingelt," Markus estas listo para Coroico," fragt mich Selman am Telefon? "Klar bin ich parat um von La Paz auf der alten Strasse nach Coroico zu fahren", lautet meine Antwort. In Tat und Wahrheit stecke ich jedoch noch bis zur Nase unter Daunen. Wie jedoch Francisco draussen auf der Strasse am hupen ist um mich abzuholen muss es doch sein. Die kalte Morgenluft von La Paz auf fast 4000 m ü. M. lässt das Aufstehen früh morgens immer zu einem Kampf werden. Ein wunderschöner Tag steht an, strahlend blauer Himmel, die drei weissen Gipfel des über 6400 m hohen Illimani stolz über der Stadt, erscheinen in der dünnen, klaren Andenluft zum Berühren nah. Die Sonne vertreibt die eisigen Temperaturen der Nacht für einen Tag hinauf in die schneebedeckten Gipfeln der Andenriesen. Meine sieben Sachen sind schnell gepackt und so sitze ich im roten Jeep von Francisco und Selman. Die beiden haben mich eingeladen über das Wochenende mit ihnen von La Paz auf der alten Strasse nach Coroico zu fahren.

La Paz - Coroico
Strasse von La Paz nach Coroico

Coroico liegt am Ostabfall der Anden in den Tälern der Yungas am Eingang zum Amazonasbecken. Von den Einwohner in La Paz wird Coroico als Feriendomizil benützt, das angenehme Klima gepaart mit der wunderschönen Lage, zum Entspannen genau richtig. So ganz wohl ist mir bei der ganzen Sache nicht, da die Strasse von La Paz nach Coroico den zweifelhaften Ruf hat als gefährlichste Strasse der Welt. Doch in einem guten und sicheren Fahrzeug mit zuverlässigem Fahrer ist das Risiko nicht übermässig. So geht's los im 4 x 4 Jeep, quer durch die Stadt La Paz bis zum Kontrollposten am Stadtende, hier werden unsere Papiere kontrolliert. Als man uns glaubt, dass keine Chemikalien zur Herstellung von Kokain an Bord sind, bewegt sich der eiserne Schlagbaum nach oben. Die Fahrt in Richtung Abra la Cumbre-Pass und Coroico in den tropischen Tälern der Yungas somit frei. Doch erstmals wird Frühstück und etwas Proviant am Strassenrand bei den zahlreichen Frauen an ihren Verkaufständen eingekauft. Die Strasse steigt gleichmässig an, die Luft wird immer dünner und sauerstoffarmer was dem Motor etwas an Kraft raubt. Rechterhand passieren wir einen Stausee, der für die Wasserversorgung der Stadt La Paz verantwortlich ist, silbrig glitzert die Sonne im glasklaren Wasser. Einige natürliche Lagunen folgen, die alle wie Perlen in der dünnen Andenluft hier oben ein wunderbares Schauspiel der Natur bieten. Auf 4725 m ü. M. ist nun der Abra la Cumbre-Pass erreicht, links biegen wir ab hinauf zur Christusfigur, die hier oben den kalten, eisigen Winden und dem Schneetreiben bei schlechtem Wetter geduldig trotzt. Die vier oder fünf Hexenmeister und Hellseher die hier oben auf der Passhöhe ihre Zelte aufgeschlagen und treu ihrer Religion am Übergang von einem zum anderen Tal in Verbindung mit Geistern stehen, beten, meditieren und wohl auch einiges an Gebranntem vernichten. Immer auf der Lauer nach Kundschaft, die Interesse zeigt über Liebe, Zukunft und gute Geschäfte dies zeigt, dass wir in Bolivien sind. Unten auf der Strasse kommen die ersten Busse aus La Paz hinaufgekrochen, voll bepackt mit Wagemutigen, meist jugendlichen Mountenbicker aus der ganzen Welt. Oben auf der Passhöhe angekommen machen sie sich startklar für eine wohl einmalige Abfahrt vom Schnee der Anden in den dampfenden Dschungel der Yungas am Rande des Amazonas. Wir machen uns nun auch auf den Weg in Richtung Coroico. Vorbei an den Wagemutigen auf ihren zweirädrigen Gefährten, eingehüllt in Wollsachen mit dicken Handschuhen gegen die bittere Kälte hier oben nicht weit von Schnee und Gletschern. Eine Pflanze, die es geschafft hat sich in dieser unwirklichen und harten Berglandschaft mit Höhen von weit über 4000 m ü. M. ein Überleben zu sichern, ist das zähe in Büscheln wachsende Ichu- Gras. Als kaum das Ende der asphaltierten Strasse erreicht ist, bemerkt Francisco, der am Steuer sitzt, dass vorne rechts sich allmählich die Luft aus dem Reifen verabschiedet, somit wird ein Reifenwechsel nötig.

Strasse La Paz Coroico in Bolivien
Strasse von La Paz nach Coroico - Bolivien

Ein Llantero, wie die Reifenflicker hier genannt werden, der den platten Reifen wieder richten sollte ist nicht zu finden, so geht die Reise mit dem platten Reifen hinten am Jeep weiter. Auf das Reserverad muss nun Verlass sein. An die tausend Höhenmeter sind vernichtet, was an der Temperatur und an der in die Ferne gerückten weissen Bergspitzen bemerkbar wird. So allmählich kommen erste grössere Büsche und Bäume auf. Hie und da stehen die Wagemutigen neben ihren Rädern und entledigen sich der dicken, warmen Kleidung. Wir befinden uns nun in der Zone, wo sich die tropisch feuchtheisse Luft, die über die Täler der Yungas aus dem Amazonastiefland hinauf drückt, sich mit den kalten, eisigen Winden der Andengipfel trifft und vermischt. Was zu Wolkenbildung und Niederschlägen an den Berghängen führen kann. Heute jedoch ist strahlend, schönes Wetter. An der Stelle wo sich die Strasse teilt in die Nord- beziehungsweise Südyungas endet auch jeglicher Asphalt. Nun beginnt der haarsträubende Teil des Weges nach Coroico. Von nun an herrschen andere Verkehrsregeln, nichts ist mehr wie vorher. Linksverkehr als währe man in England, die bergwärts Fahrenden haben Vortritt und sind berechtigt an der Strasseninnenseite am Berg zu fahren. Was zur Folge hat, dass wir in Richtung Tal Fahrende immer aussen am Abgrund der Strassenkante entlang zu fahren haben. Dies wurde eingeführt damit der Fahrer der links im Fahrzeug sitzt besser kontrollieren kann wie weit der Abgrund noch entfernt ist. Da die Strasse vielfach nur drei Meter breit ist muss an Ausweichstellen gewartet oder sogar rückwärts den Berg hoch zurückgefahren werden, um dem von unten kommenden Verkehr den Vortritt zu geben, so dass ein Kreuzen überhaupt möglich ist. Der ganze Verkehr aus den Yungas, wie die Region da unten heisst, wird z. Z. noch über diese Strasse abgefertigt. Eine neue Strasse ist im Bau. Unglaublich wie sich die schweren voll beladenen Lkws hinaufquälen. Die Manöver die sie sich beim Kreuzen liefern sind haarsträubend und unvergesslich. Eine absolut sichere Fahrzeugbeherrschung und starke Nerven sind unumgänglich für diesen Job. Die vielen Kreuze am Wegrand sind stumme Zeugen von vergangenen Unfällen. Die Aussichten die sich hier nach jeder Kurve bieten lassen kaum noch Atem finden. Die teilweise nur drei Meter breite Strasse ist buchstäblich in den blanken Felsen gesprengt, es geht an Steilwänden entlang die hunderte Metern senkrecht in die Tiefe stürzen. Ein Abkommen von der Strasse an einer dieser Stellen hätte fatale Folgen. Unter ständigem Hupen, da vielfach keine Übersicht in den engen Kurven herrscht, tasten wir uns Kehre um Kehre talwärts. Die Landschaft hat sich nun vom eisigen Bergland in einen tropisch, dicht bewachsenen Garten verwandelt. Beinahe sämtliche Klimazonen, die dieser Kontinent bietet, sind in 4 Stunden durchquert worden. Die ersten Bananenstauden tauchen auf und säumen den Weg. An einer Stelle wo der Abhang wie der über der Strasse senkrecht ansteigende Bergrücken hunderte Meter ansteigt beziehungsweise abfällt, stürzt sich ein kleiner Wasserfall mitten auf die Fahrbahn. Francisco bemerkt trocken wie er das Fenster zudreht, "Waschstrasse". Als nun über 3500 Höhenmeter und ca. 70 km auf einer der abenteuerlichsten Strassen die ich je gesehen und befahren habe zurückgelegt sind, ist ganz unten auf 1100 m. ü. M. ein Llantero gefunden, der sich um den platten Reifen kümmert. Während dessen wir uns um ein knusprig, gebratenes Hühnchen bemühen, dabei die ersten Schweissperlen von der Stirn wischen. Nach Coroico ans Ziel der Reise ist's nun nicht mehr weit, der Weg wird gesäumt von jeglichen tropischen Planzen, Früchten, Kaffee und auch von den umstrittenen Kokaplantagen.

La Paz Coroico
Blick auf die Strasse von La Paz nach Coroico

Mit einem Sprung ins kühle Nass des grossen Pools in tropisch, warmer Landschaft nach vier Stunden atemberaubender Abfahrt vom Schnee der Anden in den dampfenden Dschungel der Yungas, cremen wir uns die Bäuche ein und geniessen das herrlich, angenehme Klima von Coroico in den Yungas Boliviens mit einem kühlen Bierchen in der Hand. Vom Schnee in den dampfenden Dschungel, Faszination Südamerika.